Tagungsankündigung: Ressource – Ereignis – Praxis

Tagungsankündigung

Ressource – Ereignis – Praxis. Interdisziplinäre Perspektiven auf den neuen Materialismus​

Tagung des Leibniz-WissenschaftsCampus Resources in Transformation (ReForm), FernUniversität in Hagen, 22.–24.06.2023

Keynote – Ian Hodder (Stanford University)

Der neue Materialismus stellt einen wichtigen Referenzpunkt für die Kultur- und Sozialwissenschaften dar, weil er die Verflechtung verschiedener als symmetrisch verstandener Aspekte der Materialität (Dinge, Artefakte, Körper) in den Mittelpunkt der Theorie stellt. Exemplarisch dafür sind die Schriften von Donna Haraway und Karen Barad, die trotz ihrer theoretischen Unterschiede als die beiden wichtigsten Vertreterinnen dieser Denkweise bezeichnet werden können. In diesem Zuge schlägt insbesondere Karen Barad in kritischer Abgrenzung bzw. in Radikalisierung von Judith Butlers sehr prominenter Theorievorgabe einen „neuen“ Begriff des (verteilten) Materialismus vor, um etwa die Effektivität von Apparaten (beispielsweise mit Blick auf Instrumente in wissenschaftlichen Laborsituationen der Physik) in den Blick nehmen zu können. Hierbei wird die Verflechtung der verschiedenen materiellen Partikeln der Praxis, die sich zwangsläufig einstellt, wenn Apparate und andere materielle Dinge praxiswirksam werden, als dynamisches Ereignis konzipiert, in dem Dinge, Artefakte und Körper wechselseitig affizieren und affiziert werden. Genau hieraus geht ein intensives transformatives Potenzial hervor, wobei die Qualität der sich ereignenden Geflechte sehr unterschiedlich sein kann. 

Ein derartiges vom neuen Materialismus in den Sozialwissenschaften inspiriertes Verständnis von Verflechtung ist von großem Interesse für die Untersuchung von Ressourcen, also demjenigen Materiellen, dem durch kulturelle und diskursive Expressionen und Artikulationen eine zentrale Bedeutung und ein besonderer Wert für gesellschaftliche Praxis zugeschrieben wird. Der neue Materialismus erlaubt es
nämlich Ressourcen als sich ereignende Partikel der Praxis zu fassen, die durch situative Verflechtungen von Dingen, Artefakten, Körpern, Expressionen und Artikulationen möglich werden und so entsprechende Wirkung auf die Praxis entfalten.

Im Rahmen des Leibniz-WissenschaftsCampus Resources in Transformation (ReForm) soll die Tagung verschiedene Wissenschaftler*innen aus den Kultur-, Sozial- und Geschichtswissenschaften zusammenbringen, um sich den ereignenden Ressourcen aus interdisziplinärer Perspektive auf theoretischer und empirischer Ebene anzunähern. Hierbei soll erstens der Begriff der Materialität präzisiert und das Problem seiner sprachlichen Fassbarkeit diskutiert werden. Zweitens geht es um die Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Affektivität innerhalb des materiellen Vollzugs der Praxis. Und drittens gilt es schließlich, den materiellen und körperlichen Verflechtungen mitsamt ihren unterschiedlichen Formen und Qualitäten nachzuspüren. Dabei kommt es auch darauf an zu klären, welche Bedeutung kulturelle Expressionen und Artikulationen für die mannigfaltige Verflechtung von Praxispartikeln haben. Auch sie müssen im neuen Materialismus konsequent physisch, also körperlich und dinglich, gefasst werden.

Damit stellen sich für die Tagung folgende zentrale Fragen:

  • Was sind die Möglichkeiten und Grenzen des neuen Materialismus in den Kultur- und Sozialwissenschaften? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es in der begrifflichen Fassung der Materialität etwa in der Archäologie und der Soziologie?
  • Wie können Georessourcen als materielle Partikel der Praxis verstanden werden? Welche Verflechtungen sind nötig, damit Ressourcen sich im oben definierten Sinne ereignen können? Wie lassen sich Georessourcen, wie etwa die Steinkohle, Ackerböden oder Wasser, von anderen Arten von Ressourcen, wie etwa digitale Daten, unterscheiden und ist dies überhaupt möglich?
  • Wie lassen sich Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Affektivität und Wahrnehmung – Begriffe gegenwärtig intensiv diskutiert im Kontext einer neuen Debatte über den Begriff der Ästhetik – als Partikel der Praxis fassen? Welche Verflechtungen sind nötig, damit sich Körperlichkeit mit nachhaltigen Wirkungen in der Praxis ereignet?
    • Welche Bedeutung haben kulturtheoretische und -soziologische Begriffe wie Expression, Artikulation und Ästhetik für die Weiterentwicklung eines am neuen Materialismus ausgerichteten Ressourcenkonzeptes?
    • Welche Arten der Verflechtung von Praxispartikeln lassen sich empirisch identifizieren und untersuchen?
    • Welche Perspektiven des neuen Materialismus können in Beantwortung einiger dieser Fragen ausgemacht und weiterverfolgt werden?

Die Tagung wendet sich mit diesen Fragen an Soziolog:innen, Archäolog:innen, Kulturwissenschaftler:innen, Historiker:innen und an Wissenschaftler:innen aus benachbarten Disziplinen und findet im Rahmen des Semesterprogramms 2023 des Leibniz-WissenschaftsCampus “Resources in Transformation (ReForm)” statt.

Veranstalter:innen:
Prof. Dr. Frank Hillebrandt
Dr. des. Johannes Jungfleisch
Prof. Dr. Constance von Rüden

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